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Lohnarbeit –- kein Lebenszweck!Bei der Stilisierung der Arbeit als Lebenszweck der Menschheit duerfte die Arbeiterbewegung dem Kapital auf den Leim gegangen sein. Die Unternehmer sind zwar an der Arbeitsmoral, nicht aber an der Vollbeschaeftigung der Lohnabhaengigen interessiert. Kann vom bevorstehenden Bundeskongress des OeGB (22. bis 24. Jaenner) eine Wende in dieser Frage erwartet werden? (Vorabdruck aus AUGUSTIN) In einer Phase der gesellschaftlichen Entwicklung, in der selbst in den reichen Industriestaaten Vollbeschaeftigung als Utopie gilt, erscheint die Orientierung auf eine Gesellschaft naiv, in der die Berufsarbeit im Mittelpunkt steht. Der Gedanke, dass die industrielle Reservearme (Marx) keine Begleit- sondern eine Ausnahmeerscheinung der kapitalistischen Wirtschaft darstellt, konnte nur in der kurzen Periode der spaeteren 60-er und fruehen 70-er Jahre des vorigen Jahrhunderts gefasst werden, als in Oesterreich tatsaechlich Vollbeschaeftigung geherrscht hat. Damals empfahl der Bankenverband in der Wirtschaftskammer allen seinen Mitgliedern, es den Kreditinstituten im Wiener Raums nachzumachen und eine Vereinbarung abzuschliessen, einander kein Personal ab zu engagieren, um die Gehaelter nicht ins Uferlose steigen zu lassen. Diese Vorsichtsmassnahme musste nicht lange beibehalten werden: Bei Vollbeschaeftigung handelte es sich um einen Betriebsunfall: Grundsaetzlich ist der Kapitalismus nicht dazu da, die Realloehne zu steigern, sondern - ohne Ruecksicht auf soziale Verluste - die Profite zu maximieren. Der ganze Fortschritt, den der Kapitalismus gebracht hat, besteht darin, dass die Besitzlosen des Recht haben, ihre Arbeitskraft an den meistbietenden Unternehmer zu verkaufen, waehrend die Leibeigenen im Feudalismus an ihren Herren gebunden waren. Waren die Besitzer von Grund und Boden in letzter Konsequenz daran interessiert, das Ueberleben der Untergebenen zu sichern, beschraenkt der Kapitalist sich darauf, die Reproduktion der von ihm benoetigten Arbeitskraefte unter konkreten historischen und moralischen Bedingungen zu gewaehrleisten. In dieser Hinsicht ist interessant, dass die Unternehmer mit dem Verschwinden der sozialistischen Laender den sozialen Kompromiss aufgegeben haben, der ihnen nach 1945 das politische Ueberleben sicherte. Unter dem Vorwand der schon laengst vollzogenen Globalisierung werden nun soziale Errungenschaften – der Stolz der Gewerkschaften - massiv abbaut. Menschen, deren Arbeitskraft nicht nachgefragt wird, werden der oeffentlichen und/oder privaten Fuersorge ueberlassen. Statt vom Wohlstand fuer die gesamte Gesellschaft wird neuerdings nur mehr von Mindestsicherung gesprochen. Militaerische Disziplin als VorbildDas Dilemma der Gewerkschaften besteht darin, dass sie sich als Transmissionsriemen der Arbeiterparteien (in Oesterreich praktisch der SPOe) in die Industriebetriebe betrachten und in dieser Rolle dazu beitragen, die Arbeitsmoral hoch zu halten. Die Fabrik, die das moderne Proletariat hervorgebracht hat, war nach dem Muster militaerischer Formationen gegliedert. Soldaten wie Arbeitskraeften wurde und wird Kadavergehorsam abverlangt. Marx nannte die seinerzeit verschwindend kleine Zahl von Angestellten in der Grossindustrie nicht zufaellig Offiziere und Unteroffiziere des Kapitals. Sie ueberwachten unter anderem den schwierigen Prozess, die aus der landwirtschaftlichen Unterbeschaeftigung los geeisten Arbeitskraefte an die erforderliche Disziplin in der Fabrik zu gewoehnen - mit rigidem Zeitregime und puenktlichen Beginnzeiten. In den Giessereien des suedlichen Niederoesterreich wurde – zur karnevalisierenden Entlastung - noch in der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts der Blaue Montag gefeiert. Die Gewerkschaften sind aus zwei Wurzeln hervorgegangen: Einerseits aus Kulturvereinen, die bis in die zweite Haelfte des 19. Jahrhunderts den einzigen legalen Rahmen fuer die Artikulierung gemeinsamer Interessen der Arbeiterschaft gebildet haben und den Bildungsanspruch der Werktaetigen signalisierten. Anderseits aus der gegenseitigen Selbsthilfe von Berufsgruppen mit grosser Tradition und besonderem Stellenwert wie den Salzarbeitern im Salzkammergut. Die Hallstaetter Salzbergleute haben bereits im 18. Jahrhunderts Gemeinschaftskassen fuer die Versorgung von Arbeitsunfaehigen, Witwen und Waisen aus ihren Reihen sowie fuer die Bezahlung von Heilungskosten gebildet. Auf derartige Initiativen geht uebrigens der Selbsthilfecharakter der Sozialversicherung in Oesterreich zurueck, deren Verstaatlichung durch die schwarz-blauen Regierung von der Sozialdemokratie nahezu ohne Widerstand hingenommen wurde. Hatte die Sozialdemokratie lange Zeit (bis zum Ende des 1. Weltkriegs) gehofft, der Sozialismus koenne durch die Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts verwirklicht werden, hat sie sich nach der voruebergehenden Rolle am Krankenbett des Kapitalismus (in der Zwischenkriegszeit) mit seiner Verwaltung unter Beruecksichtigung von sozialen Mindeststandards (nach dem 2. Weltkrieg) begnuegt. Die Gewerkschaftsbewegung im Allgemeinen und der OeGB im Besonderen haben als Aufpasser gedient und im Proletariat fuer Zucht und Ordnung gesorgt. So wurde der Oktoberstreik 1950 - haeufig als Kommunistenputsch verunglimpft - nicht von der Exekutive, sondern von Rollkommandos der Gewerkschaft der Bauarbeiter nieder gewalzt. Idealbild des ArbeitersDie Gewerkschaftsbuerokratie orientierte ihre Politik auf das Ideal eines in einem regulaeren Arbeitsverhaeltnis taetigen Facharbeiters. Im Normalfall sollte sein Einkommen ausreichen, damit die Ehefrau nach der Geburt des ersten Kindes zu Hause bleiben konnte. Frauenfragen blieben im OeGB bis zur Herausbildung der Frauenbewegung im Gefolge der 68-er Bewegung voellig unterbelichtet. Das Menschenbild des OeGB richtet sich bis heute nach diesem Muster, das mit der sozialen Realitaet immer weniger uebereinstimmt. So gern die Moderne auf Wurzeln im griechischen Altertum zurueckgreift, so wenig Staat ist damit in puncto Arbeit zu machen. In der Antike galt Handarbeit als unrein; wer sie versah, wurde nicht als frei betrachtet. Platon sah die Musse als Voraussetzung an fuer die bewusste schoepferische Auseinandersetzung des Menschen mit Natur und Gesellschaft an. Derartige Aneignungsprozesse haben tatsaechlich mit hoechst entfremdeter Fabrik- und/oder Bueroarbeit nicht das Geringste zu tun. Waehrend Friedrich Engels, Kampfgenosse von Karl Marx, die Arbeitsfaehigkeit fuer den Kern der Definition des Menschen hielt, plaedierte Paul Lafargue, Schwiegersohn von Karl Marx, fuer das "Recht auf Faulheit". Die einst wie jetzt herrschende Arbeitsorientierung charakterisierte er folgendermassen: "Die kapitalistische Moral, eine jaemmerliche Kopie der christlichen Moral, belegt das Fleisch des Arbeiters mit einem Bannfluch: Ihr Ideal besteht darin, die Beduerfnisse des Produzenten auf das geringste Minimum zu reduzieren, seine Genuesse und Leidenschaften zu ersticken und ihn zur Rolle einer Maschine zu verurteilen, aus der man ohne Rast und ohne Dank Arbeit nach Belieben herausschindet." Betrachtet man die Ergebnisse der juengsten Studien zum Thema Arbeitsleid in Oesterreich, so hat sich –- abgesehen von der Ausdrucksweise, von den weitgehend gesicherten Basisbeduerfnissen und vom Wegfall schwerster koerperlicher Arbeit –- an der Grundsituation der Werktaetigen seit dem 19. Jahrhundert wenig geaendert. Der groesste Wandel besteht vielleicht darin, dass heute als normal betrachtet wird, was damals noch als Zumutung erkannt wurde. Drei Pilotprojekte des OeGBDer OeGB beschreitet weiterhin diesen Holzweg. Die Gewerkschaft fungiert zwar als Organisator, der das Bewusstsein der Werktaetigen wach haelt, zusammenhalten zu muessen, um von den Unternehmern etwas zu erreichen. Sie fuehlen sie sich jedoch bemuessigt, den Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital in die geordneten Bahnen der Sozialpartnerschaft zu lenken. Mit dem Ergebnis etwa, dass die Realloehne zwischen 1998 und 2005 nach einer Studie des Rechnungshofs in Oesterreich nicht gestiegen, sondern signifikant zurueckgegangen sind: Zuwaechse wurden lediglich im obersten Zehntel der Hoechstverdiener verzeichnet. Das ist ein Versagen des OeGB auf der ganzen Linie, das wesentlich schwerer wiegt als die Organisationskrise und das BAWAG-Debakel. Fuer die Gewerkschaftsbewegung bleibt die Berufsausuebung offenkundig ein wesentliches Kriterium fuer Mitgliedschaft und inhaltliche Orientierung. Dennoch ist ein bestimmter Wandel im Verhaeltnis der Gewerkschaften zu den nicht in die Arbeitswelt integrierten Gruppen der Bevoelkerung festzustellen. Was freilich kein Wunder ist, nachdem die Zahl der irregulaer beschaeftigten Gruppen bereits rund die Haelfte der Vollzeitarbeitskraefte ausmacht. Die Bestimmung, wonach die Mitgliedschaft in den Gewerkschaften mit Arbeitslosigkeit nicht vereinbar sei, wurde schon vor laengerer Zeit aufgehoben. In der Reformdebatte vor dem OeGB-Kongress wurden ueberdies neue Zielgruppen ins Visier genommen. Dazu heisst es in einer "Kurzfassung der Reformbeschluesse": "Der OeGB betrachtet die Zielgruppenarbeit als eine Kernaufgabe. Dazu werden vorerst drei Pilotprojekte ins Leben gerufen: Menschen in Sozialberufen; Arbeitslose, die in AMS-Massnahmen eingebunden sind; Atypisch Beschaeftigte." Man darf gespannt sein, ob vom OeGB-Kongress Signale ausgesandt werden, die als Botschaft an die prekaer an oder unter der Armutsgrenze Lebenden und an die immer vorhandene, aber von der Oeffentlichkeit jetzt wieder entdeckte Unterschicht verstanden werden koennen. Die Frage ist vor allem, welche Haltung der OeGB zur bedarfsorientierten Grundsicherung einnimmt. Die von der Regierung ins Auge gefasste Mindestsicherung schreibt bloss den Status quo der Armut fest; sie ist eine Exitstrategie aus dem sogenannten Sozial- bzw. Wohlfahrtsstaat. (Lutz Holzinger; Augustin)
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