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Offener Leserbrief: Im rauen Wind - Arbeitslose und Gewerkschaft

leser@kurier.at
patricia.haller@kurier.at
maria.kern@kurier.at

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Artikel "Im rauen Wind" schreiben Sie, Arbeit Suchenden könnten sich den Gewerkschaftsbeitrag nicht leisten und blieben daher nicht mehr Mitgleid im ÖGB. Das ist grundlegend falsch: Arbeitslos gemeldete zahlen nur 1,80 Euro im Monat. Es liegt nicht am Beitrag, sondern daran, dass die Gewerkschaft entgegen ihren ursprünglichen Werten sich kaum für Arbeit suchende einsetzt, es keine konkreten Ansprechpartnerinnen gibt. In der gpa-djp liegt seit über 3 Jahren ein Konzept für eine Interessensgemeinschaft für Arbeit suchende in der Schulblade. Der damit betraute Gewerkschaftssekretär meint nur resigniert: Arbeitslose bringen der Gewerkschaft keine Beiträge, gemacht werde nur noch, was Geld bringt.

Schlimmer noch: Die Gewerkschaften kümmern sich lieber um die TäterInnen als die Opfer verfehlter Wirtschafts- und Arbeitspolitik: Die Gewekrschaft vertritt lieber jene par 1.000 Menschen, die als TrainerInnen bzw. Schlüsselarbeitskräfte davon leben, dass 100.000en Arbeit suchenden Menschen die Menschenrechte geraubt werden und sie unter Androhung des Existenzentzuges genötigt werden, sinnlose und demotivierende AMS-Zwangsmassnahmen zu machen. Ziel der AMS-Zwangsmassnahmen: Verschwinden aus der offiziösen Langzeitsarbitslosenstatistik sowie mehr Druck, jede, noch so schlechte Arbeit anzunehmen.

Im BAGS-KV und BABE-KV werden "TransitarbeiterInnen" zu Menschen zweiter Klasse dequalifiziert, die werder eine Einstuffung nach Qualifikation, Arbeitserfahrung oder Verwendung zugestehen. Auch bei wiederholter Zuweisung gibt es keine Gehaltsvorrückungen. Dass die Betroffenen weder einen Betriebsrat wählen können noch irgendeine Vertretung in den Gewerkschaften haben und so ohne deren Mitwirkung über ihre "Arbeitsbedingungen" verhandelt wird, ist da wohl eher der Grund für den Austritt aus der Gewerkschaft. Die Menschenrecht der Arbeit suchenden sind der real existierenden Gewerkschaft leider ziemlich egal. Ebenso dass sich der zunehmende Druck auf Arbeit Suchende letzten Endes gegen alle ArbeitnehmerInnen richtet, deren Arbeitsbedingungen ebenfalls unter zunehmenden Druck geraten.

Ich habe mich 4 Jahre lang in der gpa-djp Interessensgemeinschaft work@flex für Arbeit Suchenden, die ja oft zwischendurch prekäre Arbeitsverhaltnisse haben, einzusetzen. Ich bin vorwiegend auf dicke Mauern der Ignoranz des Gewerkschaftsapparates gestossen. Der Forderungskatalog der Arbeitsgruppe "Arbeitslosenversicherung für alle" ist in der Schublade verschwunden. Dass freie DinestnehmerInnen und Selbständige nun sich gegen Arbeitslosigkeit versichern können ist fein, dass aber die Gewerkschaften darüber schweigen, die mit der grössten Verschlechterung für Arbeit suchende Menschen erkauft zu haben, ist skandalös. Dieser Kuhhandel hat mit den ursüprünglichen Zielen der Gewerkschaften nichts mehr zu tun. Der Machterhalt der eigenen Partei und die Interessen jener, die noch im Boot des Kapitalismus sitzen, ist den Gewerkschaft wichtiger als der Einsatz für jene Menschen, die am meisten unter der Diktatur des Kapitals leiden.

Das sind die wahren Gründe. Wer diese in der Gewerkschaft - so wie ich aufzeigt - kriegt früher oder später die blanke Faust der Machthaberer in den Gewerkschaften zu spüren. Die ehrenamtlichen MandatarInnen sind für die gpa-djp nur Zierde ohne Rechte, weshalb ich mein neu erhaltenes Mandat in der work@flex zurück legen muss. Ein aufrechter Gang ist in dieser korrumpierten Systemgewerkschaft leider nicht mehr möglich.

Die Gewerkschaft tut immer noch so, als sei im vorherrschenden kapitalistischen System Vollbeschäftigung möglich. Das ist ein Märchen, den kein kapitalistischer Unternehmer kann es sich leisten, den Rationalisierungsdruck zu ignorieren und mehr Menschen zu beschäftigen, als unbedingt nötig.

Die Ingoranz der Gewerkschaften wird zu noch grösseren Leiden - Selbstmord inklusive (der Verein "zum alten Eisen" hat schon drei so aus dem Leben geschiedene Mitglieder zu beklagen) der stetig wachsenden Arbeitslosenheere führen und daraus folgenden sozialen Unruhen, die in Österreich eher später als früher kommen werden. Die Verschwendung ungeheurer Mittel zur Statistikverfälschung wird sich so rächen.

Mit freundlichen Grüssen

Ing. Martin Mair

Ursprüngliche Positionen der Gewerkschaften zum Thema Arbeitslosigkeit/Arbeitslosenversicherung entnehmen sie bitte den Auszügen aus der offiziellen Gewerkschaftsgeschicht von Fritz Klenner unter

http://www.arbeitslosennetz.org/gewerkschaft/diskussion/zweiter_dritter_gewerkschaftskongress.html

Von der work@flex Arbeitsgruppe "Arbeitslosenversicherung für alle" ausgearbeitetes Forderungspapier zur AlVG-Novelle 2007:

http://www.arbeitslosennetz.org/gewerkschaft/diskussion/workflex_forderungen_alvg.html

Die zunehmende Sinnlosigkeit der "Arbeitsmarktpolitik" stellt auch das WSI des Deutschen Gewerkschaftsbundes fest:

http://www.arbeitslosennetz.org/arbeitslosigkeit/news/20090630_deutschland_arbeitsmarkfoedergesetz.html

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